Gerade rollt Rosa eine Palette frischer Radieschen an. Rosa Gonzalez ist eine der fünf fest angestellten Fachkräfte des Hof- und Gartenteams. Zusammen mit über 600 Mitgliedern bewirtschaften sie 20 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche mit Ackerland, Weiden, einem Gemüse- und Obstgarten sowie einer Hektare Wald.
«Die Radieschenernte fällt in dieser Saison besonders gut aus», freut sie sich. Das Wetter war schön und die Nächte kühl. Das ist den kleinen, roten Knollen gut bekommen. «Dieses Jahr haben die Schnecken unsere Radieschen verschont. Das ist aber oft Glückssache», weiss Rosa.
Gemeinsam das Risiko tragen
Wenn die Ernte schlecht ausfällt, steht dem Betrieb dank der genossenschaftlichen Struktur trotzdem dasselbe Budget zur Verfügung. «In anderen landwirtschaftlichen Betrieben tragen die Bäuerinnen das Risiko allein», sagt Tina Siegenthaler, eines der Gründungsmitglieder. Bei Ortoloco schultern alle gemeinsam, was der Boden und das Wetter hergibt.
Ortoloco verfolgt den Anspruch, sozial, ökologisch und finanziell nachhaltig zu wirtschaften. Der biologische Anbau von Gemüse, Obst und Ackerkulturen ist bewusst vielfältig gehalten. Das erfordert deutlich mehr Handarbeit als konventionelle Landwirtschaft. Auch die Mitglieder kennen das aus eigener Erfahrung: Die Mitarbeit auf dem Hof ist ein untrennbarer Teil des Konzepts und eröffnet einen ganz anderen Bezug zu den Lebensmitteln auf dem Teller.
Mehr als nur ein Beitrag
Ein Hofabo mit Gemüse und Obst kostet 90 Franken im Monat – auf den ersten Blick nicht wenig. Doch der Vergleich mit dem Supermarkt hinkt, wie Tina Siegenthaler erklärt: «Es ist nicht ganz fair, die einzelnen Taschen herunterzubrechen. In unserem Budget stecken zum Beispiel auch das Sommerfest, das wir uns einfach gönnen, und die Genossenschaftsstruktur, also Dinge, die dafür sorgen, dass das hier überhaupt funktioniert.»
Korrekt wäre also statt Preis eher Betriebsbeitrag. Wer dennoch vergleicht, landet in etwa bei einem Biowarenkorb aus dem Coop. Mit dem Unterschied, dass man hier weiss, wer die Radieschen gepflanzt hat. «Zusammen arbeiten, lernen und feiern ist bei Ortoloco ein genauso wichtiger Aspekt», sagt Tina Siegenthaler.
Mit solidarischer Landwirtschaft ist Ortoloco noch nicht fertig. «Wir wollen unabhängiger und ökologischer werden. Das heisst dort, wo es sinnvoll ist, Strukturen zu relokalisieren», sagt die studierte Umweltingenieurin. Getreide etwa wird heute noch an eine zentrale Sammelstelle abgegeben, und Ortoloco erhält das Äquivalent zurück. Auch Lagergemüse wie Kartoffeln und Wurzelgemüse werden noch zugekauft. Tina Siegenthaler sagt: «Oft vergisst man, dass es auch anders gehen kann.»
Solidarische Landwirtschaft – auch in der Romandie
Auch in der Westschweiz wächst das Konzept der solidarischen Landwirtschaft auf fruchtbarem Boden. Das schon seit den späten 70ern. In Genf gehört die Kooperative Les Jardins de Cocagne, auf Deutsch «Die Schlaraffenlandgärten», zu den ersten Konzepten von gemeinschaftlich getragener Landwirtschaft in Europa. Die damaligen Ziele von Les Jardins de Cocagne sind bis heute unverändert geblieben. Es geht um faire Löhne, lebendige Böden, vergessene Sorten und die Frage, wer eigentlich entscheidet, was auf dem Teller landet.