Dr. Fajer Mushtaq, mit Ihrem Unternehmen Oxyle bekämpfen Sie Wasserverschmutzung durch PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien. Dafür haben Sie nun auch den Green Business Award erhalten. Wie kamen Sie zum Thema Wasser?
Das Problem der Wasserverschmutzung ist etwas, das mir persönlich seit meiner Kindheit sehr bewusst ist. Ich bin in Delhi aufgewachsen, wo Wasser nicht immer verfügbar war, vor allem im Sommer. Ich wusste immer, dass ich zu diesem Thema etwas beitragen möchte. Als sich dann im Rahmen meiner Doktorarbeit an der ETH die Möglichkeit bot, ein beliebiges Thema zu wählen, wählte ich Wasser. Was wir heute mit Oxyle machen, basiert auf dieser Arbeit.
Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Tätigkeit für manche Menschen abstrakt ist. Was antworten Sie, wenn unbekannte Menschen Sie fragen, was Sie beruflich machen?
Früher war das durchaus abstrakt. Aber ich denke, PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien, sind heute immer mehr Alltagsthema, weil sie auch oft in den Nachrichten sind. Es ist heute also einfacher, zu erklären, was wir bei Oxyle tun. Meine Antwort ist: Wir entwickeln Aufbereitungslösungen, die PFAS im Wasser vollständig zerstören. Auch die am schwersten zu entfernenden PFAS.
Die Frage, die wahrscheinlich folgt, wäre: Wie machen Sie das genau?
Wir zerstören diese PFAS mittels einer Technologie die UV-Licht und Mediator-Chemikalien kombiniert, die die Bindungen der PFAS aufbrechen. So wandeln wir die PFAS in Nebenprodukte wie Fluorid um. Diese Zerstörungstechnologie gilt in der Branche typischerweise als sehr teuer und nicht skalierbar. Oxyle geht deshalb einen Schritt weiter und bietet nicht nur die Technologie an, sondern eine vollständige Lösung, die für die Kundschaft umsetzbar, kosteneffektiv und skalierbar ist.
Sie machten also den Schritt aus dem Labor ins Unternehmertum. Wie empfanden Sie diesen Rollenwechsel?
Das stimmt: Den ganzen Tag im Keller im Labor zu sein, acht Stunden am Tag, manchmal auch am Wochenende, mit Laborkittel und Schutzbrille – das ist wirklich eine sehr andere Rolle als die, die ich jetzt habe. Ich würde nicht sagen, dass ich das Labor vermisse. Was ich als Wissenschaftlerin geliebt habe, war das Erschaffen von etwas Neuem. Nicht das Experiment an sich, sondern dass man sich etwas ausdenken, es testen und daraus etwas aufbauen kann. Das finde ich aufregend, und dasselbe darf ich als CEO ja auch tun. Ich teste neue Ideen mit der Kundschaft, mit meinem Team, jeden Tag.
PFAS finden sich ja nicht nur im Wasser, sondern auch in unseren Körpern. Das Thema hat dadurch auch etwas sehr Intimes.
Einige PFAS reichern sich im Körper an und verbleiben dort über Jahre, während andere schneller ausgeschieden werden – doch eine anhaltende Exposition kann einen kontinuierlichen Spiegel aufrechterhalten. Was erschreckend ist, wenn man darüber nachdenkt. Doch so sehr ich an das Problem denke und daran, wie unwohl es mich macht, Wasser zu trinken, das PFAS enthält, weiss ich auch, dass ich oft gar keine Alternative habe. Ich muss es einfach nutzen. Deshalb ist es wichtig, dass über systematische Lösungen nachgedacht wird. Die Behandlung von kontaminiertem Wasser, wie wir es tun, ist das eine.
Doris Leuthard, Alt-Bundesrätin und Jurypräsidentin des Green Business Award, sagt über die Wahl: «Sicher ist: Neben politischen Lösungen zur Verhinderung von PFAS braucht es auch Ansätze wie jene von Oxyle, die bereits im Umlauf befindliche Chemikalien dauerhaft abbauen.» Müsste man nicht viel stärker an der Quelle nach Lösungen suchen?
Es ist ein vielschichtiges Problem. Einerseits: Wenn man den Einsatz von PFAS in einem Produkt ersetzen kann – etwa in Teppichbeschichtungen oder in Kosmetika oder in wasserdichten Jacken, die man auch mit Wachs behandeln kann –, dann sollte man das unbedingt tun. Gleichzeitig wissen wir auch, dass es bei medizinischen Produkten, Feuerlöschern oder Halbleiterchips, auf die wir alle angewiesen sind, keine gute Alternative gibt und vielleicht auch in Jahrzehnten keine geben wird. Mit Oxyle versuchen wir deshalb, die Kontamination nah an der Quelle zu behandeln – während der Produktion. Und nicht erst, wenn das Wasser bereits in den Kläranlagen oder im Grundwasser landet. Wobei wir auch dort Altkontaminationen behandeln, bei denen hohe Konzentrationen die Menschen beeinträchtigen können.
Wasser wird wohl eines der grossen Probleme sein, mit dem die Menschheit konfrontiert sein wird. Wie sehen Sie das?
Ich finde, über Wasser wird nicht oft genug gesprochen in Hinblick auf die Klimakrise oder Cleantech. Wir reden meist über CO₂-Emissionen oder steigende Temperaturen, was ebenfalls sehr wichtige Themen sind. Aber Wasser ist ein integraler Bestandteil davon. Wenn man heute PFAS im Wasser hat, ist eine der am häufigsten eingesetzten Techniken die Verbrennung des Wassers. Dies führt zu hohen CO₂-Emissionen. Ganz zu schweigen davon, dass wir diese Chemikalien beim Verbrennen in die Luft freisetzen. Wasser ist nicht von der Klimakrise zu trennen. Es steht im Mittelpunkt der Krise. Wie wir kontaminiertes Wasser behandeln und bewirtschaften, wird ein entscheidender Teil der Lösung sein.
Denken Sie, wir betrachten Wasser, auch sauberes Wasser, als zu selbstverständlich?
Ja. Wasser ist ein Menschenrecht. Genau deshalb denken wir selten über seinen Wert nach. Doch wenn etwas kostenlos und unbegrenzt erscheint, ist es leicht zu übersehen, wie kostbar es wirklich ist. Gleichzeitig sollte man es nicht bepreisen, weil der Zugang so wichtig ist. Wenn ich also sage, Wasser sollte bepreist werden, dann meine ich nicht jedes Wasser. Toxisches Wasser, das für den menschlichen Verzehr ungeeignet ist, sollte absolut bepreist werden, weil jemand dieses Wasser behandeln muss. Es ist kein Wasser mehr, es ist chemisches Wasser. PFAS-belastetes Wasser sollten wir nicht Wasser nennen – sondern chemische Mischung.


