Ein perfekter Rasen sieht nach Kontrolle aus. Für viele Tiere ist er fast so leer wie ein Teppich. Zwischen 1985 und 2018 hat die Siedlungsfläche in der Schweiz laut Bundesamt für Umwelt (Bafu) um fast ein Drittel zugenommen. Gleichzeitig sind ein Drittel der Schweizer Arten und die Hälfte der Lebensraumtypen bedroht.
Bei den Wildbienen liegt der Anteil gefährdeter Arten sogar bei 45 Prozent. Als Hauptursachen nennt das Bafu fehlende Blütenangebote und fehlende Nistplätze. Beides liesse sich vielerorts direkt vor der Haustür verbessern.
Der Rasen ist nicht neutral
Wie viel Leben in Gärten möglich ist, zeigte eine Untersuchung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl) in Zürcher Privat- und Familiengärten. Die Forschenden bestimmten mehr als 150’000 wirbellose Tiere und wiesen gut 1100 Tier- sowie mehr als 1000 Pflanzenarten nach. Ein durchschnittlicher Garten beherbergte 142 Tierarten.
«Unser Datensatz zur oberirdischen Biodiversität ist einer der grössten weltweit, der bisher in Gärten erhoben wurde», sagte WSL-Forscher David Frey in einer Mitteilung der Forschungsanstalt. Die Studie zeigte auch: Je artenreicher ein Garten war, desto höher war die selbst berichtete Erholung seiner Nutzenden. Ein Naturgarten verändert, wie sich ein Ort anfühlt: schattiger, kühler, weniger leer.
Was kleine Flächen bewirken können
Dass Naturgärten nicht mehr nur Privatsache sind, zeigt sich in mehreren Landesteilen. Bern hat seit 2021 über 150 Gärten mit dem Label «Biodiversitätsgarten» ausgezeichnet. Wer mitmacht, verpflichtet sich zu naturnaher Pflege, heimischen Pflanzen und Durchlässen für Kleintiere.
Genf fördert private Naturprojekte mit bis zu 50 Prozent der Gesamtkosten. Luzern unterstützt Gemeinden bei der ökologischen Aufwertung von Siedlungsflächen mit bis zu 80 Prozent der Kosten. Und in Lugano zeigt der Parco Kiwi in Viganello, wie ein öffentlicher Garten mit einheimischen Pflanzen, Totholz, offenen Bodenstellen und Kleinstrukturen zum Vorbild für Private werden kann.
Die Beispiele zeigen: Naturgärten entstehen nicht nur in einzelnen ökologisch besonders interessierten Haushalten. Sie werden zunehmend Teil der Stadt- und Gemeindeentwicklung. Der private Garten, der Innenhof, der Balkon oder der Grünstreifen am Strassenrand werden zu kleinen Bausteinen eines grösseren Netzes.
Warum Insektenhotels nicht reichen
Nicht jede Massnahme wirkt gleich. Insektenhotels haben zwar eine symbolische Kraft, aber eine schwache Bilanz, wenn im Quartier die richtigen Lebensräume fehlen. Entscheidend ist nicht nur der einzelne Garten, sondern das Netz dazwischen: Je näher naturnahe Flächen beieinanderliegen, desto eher werden sie für Tiere zu Trittsteinen.
Was den Unterschied macht, sind offene Bodenstellen, markhaltige Stängel, Totholz, Trockenmauern und einheimische Wildpflanzen. Für die Artenwahl empfehlen Fachleute die Plattformen «Regioflora» und «Infoflora», die Pflanzen nach Region und Standort filtern. So wächst im Garten nicht einfach irgendeine Blumenmischung, sondern eine Vegetation, die zur Umgebung passt.
Fast ebenso wichtig wie die Bepflanzung ist die Pflege. Agroscope hat gezeigt, dass schnelle Kreiselmäher in blühenden Wiesen zwischen 9000 und 25’000 Bienen pro Hektar töten können. Weniger häufig mähen, gestaffelt und ausserhalb starker Flugzeiten, rettet mehr als jedes Insektenhotel.
Ein Naturgarten entsteht nicht, indem man nichts mehr tut. Er entsteht, indem man anders pflegt.

